InScribe — aus eigenen Interviews wird ein Theaterstück
InScribe ist ein von ArtesMobiles entwickeltes Werkzeug für die Stückentwicklung. Es begleitet eine Gruppe vom Thema bis zum fertigen Textbuch, auf der Grundlage von Interviews, die die Gruppe selbst führt.
Gedacht ist es für alle, die aus echten Stimmen Szenentexte entwickeln wollen: Autor:innen, Schauspieler:innen, Performer:innen, Laiengruppen, Regie.
Ein Beispiel: Padua, Oktober 2026
„From Real Voices to New Fictions“: eine Woche mit Schauspielstudierenden der Akademie des Teatro Stabile del Veneto, 5. bis 9. Oktober 2026, auf Englisch und Italienisch. Drei Gruppen sind durch die Straßen von Padua gegangen und haben 127 Interviews aufgenommen. Daraus sind drei Stücke entstanden.
Erst der kritische Blick
Bevor wir mit der kreativen Arbeit angefangen haben, stand ein kritischer Blick auf KI: woher die Daten kommen, was Rechenzentren an Energie und Wasser verbrauchen, was mit Jobs passiert, was mit den Stimmen und Körpern von Schauspieler:innen, und welche anderen Zukünfte denkbar wären.
Ein großer Teil der Woche war dann die Frage, wobei die KI bei der kreativen Arbeit helfen darf und was ausschließlich menschlich bleibt. Die grundlegenden künstlerischen Entscheidungen wie Rahmenhandlung, Charaktere, Ort, Zeit und Format sollen ohne KI fallen. Beim Füllen des Rahmens mit Inhalten aus den Interviews wird die KI zum Sparringspartner.
Der Weg in sieben Schritten
Gearbeitet wird auf dem Handy, eine Seite je Gruppe. Der Weg ist eine Landkarte, kein Fahrplan: Die Gruppe kann zurückspringen, abbiegen, eine Entscheidung verwerfen. Die Bilder stammen aus den Gruppen in Padua, nur das Interview-Bild ist eine Demo.
Die Gruppe legt ihr Thema selbst fest. Im Plenum gesammelte Begriffe, an der Wand, analog.
Die KI schlägt Fragen vor. Die Gruppe wählt aus, behält, verwirft, schreibt um.
Die Gruppe interviewt Menschen auf der Straße. Die Aufnahmen werden automatisch transkribiert und zusammengefasst, mit wörtlichen Zitaten.
Ort, Form, Darstellende und was passiert: frei erfunden, ohne das Interviewmaterial.
Erst jetzt legt die KI belegte Stellen neben das Erfundene und schlägt vor, was in welche Szene passt.
Die KI arbeitet als Dramaturgin: Sie fragt nach, statt zu entscheiden.
Die KI schreibt Szene für Szene, die Gruppe ändert, bis es ihr Text ist.
Der Arbeitsstand aller Gruppen liegt zugleich auf einer Seite, die sich im Raum projizieren lässt. Der Prozess ist damit zu keinem Zeitpunkt eine Black Box, und eine angefangene Arbeit kann von anderen weitergeführt werden.
Wie wir mit der Datenfrage umgehen
Hier erzählen Menschen von ihrem eigenen Leben. Deshalb sagen wir genau, wo die Daten landen:
- Interviews laufen ausnahmslos in der Schweiz: Spracherkennung und Sprachmodell bei einem Schweizer Anbieter, offene Modelle, kein Training auf Nutzerdaten. Aufnahmen, Transkripte und Zusammenfassungen verlassen diesen Weg nie.
- Für die übrigen Schritte kann ein stärkeres Modell aus den USA zum Einsatz kommen. Das geschieht nur mit Einwilligung, nie bei den Interviews. In Padua war es für alle Schritte außer den Interviews freigegeben.
- Einwilligung und Löschung sind organisatorisch geregelt; das Material einer Gruppe lässt sich vollständig löschen.
Wo das herkommt, und wohin es geht
Zwei Produktionen gingen voraus. Für herkules.exe am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel entstand der Stücktext aus Interviews, damals noch von Hand. Für Versuch über die nachhaltige Ordnung merkwürdiger Dinge am Stadttheater Gießen entstanden die Bausteine: Verfahren, die Textvarianten erzeugen, bewerten und auswählen, während die Probe läuft.
Erprobt wurde InScribe im September 2026 in einem Workshop in Dortmund, dann in Padua.
Quellcode: https://github.com/birkschmithuesen/interview-theater.